Jung und Alt – läufts zwischen den Generationen rund?

Die Jungen haben keinen Respekt vor älteren Leuten und sind faul. Die Alten lehnen Neues ab und sind langsam. Wir alle kennen Klischees wie diese. Sind sie berechtigt oder längst überholt? Wenn jung und alt aufeinandertreffen – vor allem außerhalb des ‚geschützten Familiengefüges‘ passiert viel mehr, als der vieldiskutierte Konflikt.

Was zwischen jung und alt abgeht, ist durchaus zweideutig zu verstehen. Es entstehen coole Freundschaften, die aus einer Nachbarschaftshilfsaktion heraus entstehen. Da macht ein Generationencheck aber auch sichtbar, dass bei der versuchten Vernetzung einiges abgeht: Das gegenseitige Bewusstsein für die Herausforderungen der jeweiligen Generation. Der Wille, sich anzunähern. Die fehlende Begeisterung fürs unbekannte Resultat. Die fehlende Unterstützung der Eltern, Kinder fürs Zusammensein mit älteren Menschen zu begeistern. Jung und Alt sind in der Krise.

Warum ist die Verbindung zwischen den Generationen so wichtig?

Innerhalb von Familien betrachtet, verbinden uns mit der Großelterngeneration in der Regel positive Gefühle, Gedanken und Eindrücke. Zum einen verzeiht man den Großeltern ihre Fehler und ihre Kritik, weil sie „schon“ älter sind, zum anderen muss man mit ihnen die täglichen Alltagskonflikte nicht austragen.

Leider können viele Kinder heute solche Erfahrungen nur noch selten machen. Die Großeltern wohnen zu weit weg oder sind anderweitig zeitlich eingespannt: entweder sind sie noch berufstätig oder arbeiten freiwillig in einem Verein oder anderen sozialen Institution.

Jede Generation hat ihr eigenes Lebensumfeld. Kinder sind in Schulen und Jugendcliquen integriert, haben eigene Interessen, einen eigenen Musikgeschmack und können sich in die Lebenswelt der Großelterngeneration nur schwer hineinversetzen. Umgekehrt ist es ebenso. Die Wünsche und Interessen der Enkel weichen von den Vorstellungen der Großeltern stark ab, so dass sie oft kein Verständnis für deren Bedürfnisse haben.

Unsere Gesellschaft bietet im Alltag leider viel zu wenig Berührungspunkte zwischen den Generationen, wenn diese nicht durch verwandtschaftliche Beziehungen aufrechterhalten werden.

Die Vorurteile

Als ich gestern mit meinem Sohn eine Folge der Zeichentrickserie Biene Maya gesehen habe, wurde ich auf diesen Blogbeitrag ideal eingestimmt. Ein älterer Frosch hatte einem jüngeren Frosch aufgetragen, ihn mit einer Mahlzeit zu versorgen. Als der eine Mistkugel anrollte, sagte der ältere Frosch verächtlich: „Seid Ihr Jungen denn zu nichts zu gebrauchen?“ Bäm. Da war sie wieder. Die Generationenohrfeige. Taugenichts versus zeternde Alte.

Schon der griechische Philosoph Platon hatte mehr als 400 Jahre vor Christus an den jungen Menschen seiner Zeit viel auszusetzen: „(…) die Jüngeren stellen sich den Älteren gleich und treten gegen sie auf, in Wort und Tat“. Das Phänomen ist also aktuell – mit dem Unterschied, dass jüngere Generationen seit einiger Zeit auch offen und laut Kritik an älteren üben.

„Ok Boomer“ lautet die Phrase, die Millennials an die Boomer-Generation (Personen, die bis circa 1964 geboren sind) richten und die momentan in den sozialen Netzwerken kursiert. Der kurze Satz, der vor allem durch die Plattform Tik Tok Popularität erlangt hat, wird primär gegen ältere Personen genutzt. Er fungiert als Antwort auf Aussagen, die aus Sicht der jungen User besonders konservativ, veraltet, herablassend oder belehrend sind.

Die Generation Z macht sich gerne einmal über ältere Personen lustig, vor allem, wenn sie das Gefühl hat, ständig belehrt und kritisiert zu werden.

Altersdiskriminierung bekämpfen

Über 50 zu sein, bedeutet nicht, lernunfähig zu sein. Viele Arbeitgeber sind davon jedoch überzeugt und stellen niemand mehr aus dieser Altersgruppe ein. Dies ist nur eine von vielen Diskriminierungen aufgrund des Alters, die in der Gesellschaft weit verbreitet sind.

Ältere Arbeitnehmer sind nicht die einzigen Opfer von altersbedingter Diskriminierung. Eine Studie ergab, dass fast 80% der über 60-Jährigen von Altersdiskriminierung betroffen waren. Die Befragten zitierten, nicht ernst genommen zu werden, Annahmen über geistige oder körperliche Beeinträchtigungen und altersbedingte Witze als einige der Verhaltensweisen, die sie am häufigsten betrafen.

Auch medizinische Fachkräfte sehen ältere Patienten eher als unflexibel und altmodisch an, was sich negativ auf die Behandlung dieser Patienten auswirkt. Die Unterdiagnose von psychischen Erkrankungen in der Seniorenbevölkerung kann auch mit altersbedingten Stereotypen korrelieren. Diese Vorurteile und Verhaltensweisen können sich negativ auf die Gesundheit und das Wohlbefinden älterer Erwachsener auswirken.

Der Kampf gegen die Altersdiskriminierung ist eine Herausforderung. Untersuchungen haben gezeigt, dass Stereotypen in Bezug auf das Alter bereits von Kindern im Alter von vier Jahren verinnerlicht wurden. Die von den Medien geförderten Stereotypen verstärken diese Ansichten weiter. Um altersbedingte Überzeugungen wirklich zu ändern, müssen wir die Art und Weise, wie wir das Altern als Ganzes betrachten, verändern.

Die Einladung zur Nachbarschaftshilfe hat ganz Deutschland gerührt – jung und alt harmonisch vereint – da verstummten die generationskritischen Stimmen – Foto: Daniela Krautsack / Anna Shvets von Pexels.com

Die Stimmungen der Experten

„Grundsätzlich denke ich, dass die Generationen im Familienverbund gut vernetzt sind, die Frage ist, was mit älteren Menschen passiert, wenn sie ihr Familiennetzwerk verlieren bzw. verloren haben.“, sagt Frank Leyhausen, GF von MedCom International und Gründer des SENovation Awards.

Gerade in der Coronakrise haben wir gesehen, wie gut die Generationen innerhalb der Familie vernetzt sind. Viele Berufstätige hatten durch die fehlende Kinderbetreuung große Probleme. Auch im Ehrenamt ist das Engagement der älteren Menschen nicht wegzudenken. Ohne ältere Menschen würden keine Vereine funktionieren. Wir erleben im Gemeindeleben ein gutes Miteinander zwischen den Generationen und spüren die Dankbarkeit der Jungen, dass die älteren Menschen alles zusammenhalten.

Wenn Jung und Alt sich nicht vernetzen, folgt daraus Einsamkeit?

Ist die Vernetzung von jung und alt das Allheilmittel gegen Einsamkeit? Wir denken nicht, weil sich Menschen tendenziell mit Gleichaltrigen auseinandersetzen wollen, die einen ähnlichem Hintergrund, ähnliche Hobbies und ähnliche Biografien haben.

Eigentlich sollte es uns gelingen, die Menschen gar nicht in die Einsamkeit driften zu lassen.

Das Dilemma mit der Einsamkeit

Dagmar Hirche, Gründerin des Vereins „Wege aus der Einsamkeit“ in Hamburg, ist überzeugt, dass es genügend Initiativen gegen soziale Isolation und Einsamkeit gibt, die gut funktionieren. Warum werden diese nicht flächendeckend umgesetzt, frage ich. Hirche antwortet: „Es hapert am Bewusstsein. Am Geld. Am Comittment der Kommunen.“

Und erklärt: „In unserem Verein ist keiner hauptamtlich eingestellt, alle arbeiten ehrenamtlich. Oft bleibt der größte Teil der Arbeit an einer Person hängen. Ich hätte mich mit dem Transfer meiner Story beschäftigen können, um diese zu skalieren, dann hätte ich aber nicht gleichzeitig die Senioren schulen können. Es gibt in vielen Altenheimen nicht mal Wlan. Oder keine Tablets. Oder nur Hardware, aber keinen, der die Kurse dann weiterhin begleitet. Es hängt, gerade im ländlichen Bereich, sehr stark von der Unterstützung der Politik und Verwaltung ab, ob Dinge in Gang gesetzt werden.“

Was den Initiativen abgeht

Warum gibt es trotz der vielen Initiativen im deutschsprachigen Raum keine flächendeckende Verbesserung in Bezug auf soziale Isolation und Einsamkeit?

  • Wenig Bereitschaft und Bewusstsein, Initiativen wahrzunehmen
  • Kaum Unterstützung der Kommunen (durch Ankündigung, Motivation, etc)
  • Zu geringe Geldmittel (kein finanzieller/medialer push aus der Wirtschaft/Industrie/Kommune)

Erste Erkenntnisse der Krise

Die Coronakrise hat den älteren Personen unserer Gesellschaft am meisten zugesetzt. Dabei ist diese Altersgruppe so fit wie nie zuvor. Nicht gebraucht werden, auch wenn man sich noch gesund und kräftig fühlt, das ist wie ein Todesurteil, sagt eine andere ältere Dame im ORF-Interview. Das Gefühl, das durch Politik und Medien bei Menschen ab 65 Jahren erzeugt wird: Ich gehöre zur Randgruppe.

Die letzten Monate haben den älteren Personen der Gesellschaft am meisten zugesetzt. „Hätten wir uns alle zu 100% an die Bestimmungen gehalten, wären schon viel mehr Senioren tot.“, lautet die Aussage einer rüstigen 80jährigen im TV-Interview und schiebt trotzig hinterher: „ohne Kontakt – in der Isolation.“

Wenn man ältere Menschen, vor allem jene, die alleine sind, zu Hause isoliert, macht sie die Einsamkeit krank. Auch jene, die vorher sehr aktiv waren. Da gibt es agile Damen, die Tanzgruppen ins Leben gerufen haben. Aus. Andere schufen Generationencafés. Aus. Auch wenn nur temporäre Schließungen angekündigt wurden, auch lange Pausen von zwei Monaten geht bei älteren Menschen an die Grenze des Erträglichen.

„Wir dürfen nicht vergessen, was Menschen über 65, das sind immerhin 1,7 Mio. Menschen in Österreich, täglich alles tun“, sagt Franz Kolland, Altenforscher an der Karl Landsteiner Uni Krems. „Ob das in der Familie ist, wo sie Enkelkinder betreuen oder im Verein, wo sie sich engagieren. Das ehrenamtliche Engagement hat im Alter stark zugenommen – das auf Null herunterzufahren, ist sehr problematisch.“

#Boomer Remover

Viele ältere Menschen haben zunehmend den Eindruck, von den Jungen für die Wirtschaftskrise verantwortlich gemacht zu werden. Statt Wertschätzung für die Alten geistern unter dem Hashtag #boomer remover gehässige Scherze durch die sozialen Medien – das Coronavirus, das die ältere Generation beseitigt.

Kein Scherz sind die Äußerungen von Politikern in Deutschland und den USA, die Ältere dazu aufrufen, sich für die jüngere Generation zu opfern. Das setzt die Würde der älterer Menschen herab, und kann nur ihr Selbstwertgefühl ruinieren.

Go digital!

Dagmar Hirche, die sich für die digitale Souveränität älterer Menschen einsetzt, sagt: „Viele meiner Kursteilnehmer haben mich in der Krise kontaktiert und meinten: ‚Frau Hirche, Sie haben uns jetzt 3 Jahre lang die Ohren vollgequakt, dass wir lernen sollen, mit dem Smartphone umzugehen. Jede Woche sollten wir üben. Jetzt (in der Krise) stellen wir fest, wie extrem wichtig das war.“

Dagmar Hirche – Leuchtfigur vom Verein ‚Wege aus der Einsamkeit‘ – Sie hat in wenigen Jahren 6.500 ältere Menschen aus der digitalen Isolation geholt. Jung und alt verbinden, das sei mit etwas Willen und einem Quentchen Hartnäckigkeit nicht schwer, sagt sie.

Die digitale Sprechstunde

Hirche hat die ‚digitale Sprechstunde‘ an einer Schule in Hamburg ins Leben gerufen. Idee dahinter sei gewesen, dass ältere Menschen, die im Umkreis der Schule leben, die Handhabe mit dem Handy und Tablet von den SchülerInnen lernen. „Wir befähigen die SchülerInnen, die Bedürfnisse älterer Menschen zu erkennen und im Beratungsgespräch darauf einzugehen. Das beinhaltet langsam, deutlich und laut zu sprechen und geduldig die Handlungsanweisungen wiederholt zu erklären. Die Kinder müssen lernen, englische Begriffe, die zu ihrer Alltagssprache gehören, in die deutsche Sprache zu übersetzen. Sie lernen von uns auch, sich von den SeniorInnen nicht vereinnahmen zu lassen, sondern respektvoll auf die vorgegebene Beratungsdauer hinzuweisen.“

Generationen – Deal: Kinder und Jugendliche beraten Senioren bei Einstieg und Nutzung der digitalen Welt – Foto von Barabasa auf Unsplash

Es hatten sich Anfang des Jahres schon einige Schulen für das Projekt angemeldet, das nun aufgrund der Coronakrise auf 2021 verschoben werden muss.

„Jung und alt zusammenzubringen, das ist nicht schwer.“, ist Dagmar Hirche überzeugt. „Der ältere Mensch bietet dem jüngeren Know how, z.B. in Geschichte, Mathe, Deutsch oder auch im Klavierspielen und Schach trainieren. Ein gemeinsames Hobby ausüben, wie basteln oder in der Werkstatt herumschrauben; dafür braucht es engagierte Menschen, die die verschiedenen Generationen dazu motivieren, sich auf den Austausch einzulassen. Eltern und Lehrer können dies von klein auf fördern.“

Jung und Alt kooperieren – Coaching 1:1 nach Kompetenzen. Foto: Andrea-Piacquadio auf Unsplash

Hirche hat auch junge Asylbewerber mit SeniorInnen zusammengebracht. Hier wird das Erlernen der Sprache gegen digitales Lernen getauscht. Beide Gruppen brauchen Geduld; beide haben viel Zeit.

Die Sprache als Uhustick zwischen Jung und Alt

Um miteinander auszukommen und einander kennenzulernen, braucht es eine Form der Beziehung und Gespräche. Wenn wir Kommunikation planen, die verschiedene Generationen anspricht, müssen wir sicherstellen, dass die Sprache vom Absender zum Empfänger mitgedacht wird.

Gerade in Zeiten, in denen Kommunikationskanäle zunehmen und die Geschwindigkeit der Botschaften zunimmt, stellt sich die Frage, ob ältere Menschen noch mithalten können. Wenn ein Anfang 30jähriger über das Design und die kleinen Textfelder der neuen Software-Programme klagt, wissen wir Bescheid, dass nicht der Nutzer, sondern der Designer Nachhilfeunterricht im Generationenverstehen braucht.

Wenn die unterschiedlichen Generationen einer Familie nicht im selben Haus, derselben Nachbarschaft oder derselben Stadt wohnen, isolieren sie sich schneller – vor allem, wenn Krankheiten und körperliche und mentale Einschränkungen spürbar sind. „Es ist dann ganz wichtig, dass sich ältere auf solche Hilfe einlassen.“, sagt Leyhausen und spricht aus jahrzehntelanger Erfahrung. „Viele Menschen sind einsam, weil sie es so wollen, beziehungsweise nicht auf andere Menschen zugehen können. Wir müssen den Älteren Mut machen, solche Angebote anzunehmen. Einfach nur ein Angebot zu entwickeln in der Hoffnung, dass einsame Menschen „von alleine zu einem kommen“ ist zu wenig.

Die Sprache entwickelt sich anderseits von Generation zu Generation weiter. Jugendliche sprechen anders als alte Menschen – vor allem untereinander. Sie verwenden andere Füllwörter, Verkürzungen und einen anderen Satzbau. Ältere Menschen lernen von den Jungen, wenn es um neue Wörter, Ausdrücke, technische Erklärungen geht. Die neuen Formen und Funktionen der Sprache werden innerhalb der eigenen Familie zum gegenseitigen Profit der Generationen angewant. Die Jungen profitieren beim Zusammensein mit Älteren, weil sie mit den Großeltern in vollen Sätzen sprechen. Sie verwenden weniger Abkürzungen. Das trägt positiv zur sprachlichen Prägung der Kinder bei, sagen Experten.

Das Gefühl des Miteinanders zwischen den Generationen steigt – auch Corona sei Dank. Jung und Alt erkennen langsam (wieder), wie sie vom Austausch mit der anderen Generation profitieren können.

Die digitale Generationenschlucht

Es gibt noch eine Hürde zwischen jung und alt, die sich in der Coronakrise vergrößert hat – der sogenannte ‚digital divide‘. Wer einen PC, ein Smartphone oder ein Tablet hat, fühlt sich dieser Tage nicht so abgeschnitten. Wer aber am digitalen Leben nicht teilhat, ist vom Leben ausgeschlossen.

Während bei den 50-59 jährigen 92 % im Internet unterwegs sind, sind es bei den 60-69jährigen nur noch 75%, bei der Generation 70+ sind es nur noch 46%, also nicht einmal mehr die Hälfte.

Altenforscher Franz Kolland schlägt vor: „Wir brauchen eine Bildungsinitiative im Alter, die die digitale Bildung in Gang setzt. Das Ziel kann nicht sein, dass ein 70jähriger einfach mal nur den PC einschalten kann.“ Dass sich viele Junge nicht in die Lage eines technisch nicht affinen Menschen versetzen können, ist bedauerlich. Kolland fragt den Interviewer provokant: „Ich schwöre Ihnen, sie glauben, dass Sie jetzt noch gut drauf sind. Aber wann haben Sie ihr letztes Video auf Tiktok gedreht? Da werden Sie genauso daneben stehen. Das (Unverständnis) ärgert mich so!“

Niemanden zurücklassen ist das Gütesiegel einer zivilisierten Gesellschaft. Virtuell oder real, mit oder ohne Virus. Deshalb wünschen sich die Betroffenen bei aller Vorsicht der Krise ein Ende ihrer Aussenseiter-Rolle. „Wir brauchen Berührung, ein Gegenüber“, sagen Vertreter der Alten-Generationen. „Ohne Gegenüber bist Du kein Mensch.“