Ausflüge in die virtuelle Realität

Vor kurzem genossen etwas mehr als ein Dutzend SeniorInnen sonnige Tage an der Ostsee. Sie nahmen an der Ovital Sommerreise statt, die unsere Ovital Crew gestaltet und begleitet. Doch für all jene, die motorisch zu eingeschränkt sind, um die Reise anzutreten, gibt es Lösungen. Die virtuelle Realität, ursprünglich für Computerspiele entwickelt, ist in der Pflege angekommen.

Mit Virtual Reality, kurz ‚VR‘ – Brillen wollen die Entwickler das Wohlbefinden von Senioren verbessern. Damit ermöglichen sie Senioren, eine Reise zu unternehmen, ohne dass sie sich aus ihren Räumlichkeiten raus bewegen müssen.

Wo reisen die VR-Senioren hin?

Neben Städtereisen können sie auch Ausflüge in die Natur oder die Tierwelt sein. Mit Kopfbewegungen kann man sich im Video sogar umschauen, auch der Ton kommt aus der VR-Brille.

In einer Senioreneinrichtung in Magdeburg wird Senioren das virtuelle Reisen ermöglicht. Das soll den Menschen ermöglichen, sich wieder zu erinnern. Große Wanderungen kann der Großteil der älteren Menschen dieser Einrichtung schon lange nicht mehr mitmachen. Dank der Brille erleben die BewohnerInnen nun z.B. einen Ausflug in die sächsische Schweiz. „Oh, ah, ist das schön!“, hört man die SeniorInnen sagen, während sie sich virtuell durch die Landschaft bewegen.

Virtuelle Realität lässt SeniorInnen Erinnerungen auf lebendige Weise erleben – Foto auf Pexels.com

Die Betreiberin der Senioreneinrichtung in Magdeburg war anfangs skeptisch. „Wir wussten nicht, was uns erwartet.“ lautete der Tenor. Inzwischen wissen die Anbieter von VR-Technologie, dass die meisten Altenheimbetreiber und andere Dienstleister in der Pflege stets positiv überrascht sind, wenn sie sich auf das Testen der Technologie einlassen. „Virtuelle Realität – Sie haben einen ersten Schritt damit gemacht. Wie wars?“, werden die SeniorInnen gefragt, als die virtuelle Wanderung zu Ende ist. „Unglaublich toll“, sagt die eine Testerin. „Schade, dass es schon vorbei ist.“ seufzt die andere.

„Schön grün wars, als ob man selbst durch den Wald gelaufen wäre“, lautet eine weitere Aussage. Und auch eine vierte Probantin schwärmt: „Wunderschön war das; Das bleibt jetzt mal lange im Herzen. Man möchte ganzen Tag herumlaufen mit der Brille und sich die Welt anschauen.“

(Noch) Teure Technologie

Viele VR-Projekte für SeniorInnen werden zum Teil aus EU-Mitteln, zum Teil von den Ländern gefördert. Mediengestalter bearbeiten die Videoaufnahmen, die mit Spezialkameras aufgenommen werden. Das sind 360 Grad Aufnahmen, in denen man sich auf allen Seiten umschauen kann. Eine Entwicklerin sagt: „Wir sind in ganz Deutschland unterwegs gewesen und haben vom Schnee bis zum Meer alles gedreht. Wir kooperieren auch mit Kameramännern weltweit. Die Aufnahmen schneidet das Team zu 10minütigen Filmen zusammen, die die SeniorInnen dann genießen können.“

Die nächsten zwei Herren aus der Senioreneinrichtung in Magdeburg testen die VR-Brille. Die Schlange an Personen, die die Brille testen wollen, ist lang. Geduldig warten sie, bis auch sie an die Reihe kommen. Die Herren suchen sich eine Städtereise nach London aus. Ein 93jähriger Herr probiert das virtuelle Erlebnis zum ersten Mal aus. „Das sieht aber schön aus hier!“ ruft er, als er am London Eye vorbei spaziert. Beide Herren sind ganz in ihrer Reise durch London versunken. „Kann man auch Zeitreisen machen?“ fragt der 93jährige Abenteurer. Kann man.

Sozial braucht digital

Die Direktorin der Einrichtung sagt: „Wir haben Senioren, die sonst sehr in sich gekehrt sind, die Brille aufgesetzt. Auf einmal sind Emotionen zum Vorschein gekommen, weil sie durch die Brille abgelenkt waren und in eine neue Situation versetzt wurden, die sie aus dem Loch herausgeholt haben. Das war sehr berührend zu beobachten.“

Wichtig ist ein sensibler Umgang mit den 360-Grad-Inhalten, denn die virtuelle Realität – Zeitreise sollte eine konstruktive Bereicherung sein und die kommunikativen und mentalen Bereiche der Senioren stärken.

Kann virtuelle Realität bei der Kultivierung von Erinnerungen helfen?

Für Neues ist man nie zu alt

Obwohl der digitale Fortschritt „lebendige Menschen“ nicht ersetzen kann, helfen diese technischen Entwicklungen im Bereich Pflege & Gesundheitswesen enorm.

Welche Vorteile bieten sich SeniorInnen bei Verwendung des VR-Headsets?

Reisen ohne Anstrengung

Das Kopenhagener Seniorenzentrum „Akaciegarden“ in Kooperation mit der Aalborg University führe dazu eine Studie durch, innerhalb derer den Senioren die Illusion vermittelt wurde, durch ansprechende Landschaften zu radeln, während sie tatsächlich auf dem Heimtrainer der Einrichtung trainierten.

Die Szenerie in der Landschaft wurde zunächst durch große Flatscreens vermittelt. Erst dann kamen VR-Brillen zum Einsatz, die Parkanlagen und Wälder als VR-Anwendung darstellten. Die Teilnehmer konnten auf dem Fitness-Fahrrad sogar um virtuelle Hindernisse herumfahren oder auf virtuelle Ereignisse reagieren.

Die Auswertung der Studie ergab, dass die TeilnehmerInnen unter VR-Technologie viel motivierter waren, ihre sportliche Betätigung zu machen und sie kurzweiliger erlebten, als wie sonst auf dem Ergometer zu radeln. Die 360-Grad-Bilder wirkten auf die TeilnehmerInnen realistischer, weil sie das Gefühl hatten, in der freien Natur zu sein.

VR hilft bei der Erforschung von Krankheitsbildern

Die virtuelle Realität hilft durch die Simulation von Bildeffekten auch dabei, Seheinschränkungen besser zu erforschen: Mit Hilfe von Eye-Tracking und 360-Grad-Videos wurde beobachtet, dass Menschen mit Grauem Star (die Linsentrübung führt nicht selten zur völligen Erblindung) Umgebungen, die mit kontrastreichen Beleuchtungssystemen ausgeleuchtet werden, schwerer erkennen können. Man erkannte, dass passive Beleuchtung oft sinnvoller ist, als auf möglichst viele Lichtquellen in Räumen zu setzen.

Erinnerungen aktivieren

Auch Erinnerungsarbeit lässt sich mit SeniorInnen durch VR betreiben. Reminiszenztherapien (Reminiszenz = Sich-Erinnern durch Gegenstände, Gerüche, Klänge ect.) helfen Demenz-PatientInnen mittels Fotografien und Videos, das Langzeitgedächtnis der PatientInnen zu stimulieren und zu einer Stärkung der Kommunikation und in Folge zu mehr Lebhaftigkeit führen.

Grundlegend ist es wichtig, zwischen VR im Bereich Gaming und jüngerem Publikum und der Wahrnehmung von Senioren zu unterscheiden. Die Inhalte der 360-Grad-Videos für letztere Zielgruppe dürfen nicht überfordern.

Alte Menschen leben oft isolierter. Darauf, sowie auf die körperlichen und mentalen Einschränkungen dieser Menschen müssen die VR-App-Inhalte abgestimmt sein.

Andere Effekte durch VR-Technologie

  • Entspannung, innere Ruhe (Stimmung heben, Stresshormone senken, verbesserte Atmung)
  • Verbesserung des Gemütszustandes (innerer Abstand zum Alltag in der Pflegeeinrichtung)
  • Biografiearbeit (Auseinandersetzung mit Orten und Menschen in ihrer Visualisierung)
  • Aktivierung von Körper und Geist (neue Impressionen, immersive Inhalte sprechen persönlich an)
  • Sportliche Betätigung
  • Schmerzempfinden sinkt (Untersuchungen belegen, dass die VR-Technologie körpereigene Opioide im Gehirn verändern kann und damit das Schmerzempfinden reduziert. Dies ergibt einen Vorteil in Bezug auf suchterzeugende Medikamente wie Morphine, die schmerzlindernd eingesetzt werden, aber stark abhängig machen.)

Wer bietet VR-Technologie an?

Firmen, wie Rendever oder BuildVR (mit ihrer App SolisVR) entwickeln Virtual-Reality-Anwendungen, mit denen Menschen mit körperlichen Einschränkungen wenigstens für eine gewisse Zeit dem Alltag entfliehen können.

Gemeinsam mit anderen SeniorInnen kann man sogar virtuelle Gruppenreisen unternehmen und sich anschließend darüber austauschen. Die VR-Technologie bietet unter Verwendung einer 360-Grad-Kamera und VR-Brille auch die Möglichkeit, sich bei einer räumlich entfernten Familienfeier einzufinden.

Unser Fazit: VR bietet die Möglichkeit, den Erlebnishorizont zu erweitern. Das ist wichtig, wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist, rauszugehen. Was halten Sie von der Technologie? Ovital wird VR-Technologie wieder gerne zum Testen im Rahmen unseres Tages der Offenen Tür anbieten – sobald wir das wieder dürfen. Wenn Sie am Test dieser Technologie interessiert sind, schreiben Sie uns: info@ovital-pflege.de