Dagmar Hirche versilbert das Netz

Dagmar Hirche macht Senioren der Generation 65+ mit ihrem Buch ‚Wir versilbern das Netz!‘ Mut, in die digitale Welt einzusteigen. Neben zahlreichen Geschichten aus ihren Workshops stellt die Herausgeberin auch viele ältere Mutmacher vor.

 

Gegen Einsamkeit und fürs positivere Image des Alters

Dagmar Hirche ist eine Leuchtfigur in der Szene. Mit Szene meine ich all jene Enthusiasten, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, das Leben von älteren Menschen zu verbessern. 2007 gründete sie den Verein „Wege aus der Einsamkeit“ in Hamburg.

Der Verein setzt sich bundesweit für die Verbesserung der Lebensumstände alter Menschen und ihre Stellung in der Gesellschaft ein und unterstützt bundesweit Konzepte, die sich mit Themen rund ums Altern beschäftigen. Man wolle das Bild vom Alter positiver gestalten, sagt Hirche.

Hirche ist Wegbereiterin für viele innovative Projekte gegen Altersarmut und -einsamkeit. Seit einigen Jahren ist der engagierten Betriebswirtschaftlerin vor allem eine Frage wichtig:

„Wie schaffen wir es, älteren Leuten den Zugang zur digitalen Welt zu ermöglichen?“

Ihre Meinung ist klar: Ältere Menschen sollen sich selbst mit Tablet und Smartphone beschäftigen und sich damit auskennen. Um das zu ermöglichen, organisiert Hirche Workshops, wie z.B. im Digitalen Lernzentrum von Facebook in Berlin. Das sind kostenlose Veranstaltungen.

Im Digitalen Lernzentrum von Facebook in Berlin finden Kurse für Jung und Alt statt. Digitales spielerisch verstehen steht oft im Fokus. Foto: Daniela Krautsack

 

Schmunzeln ist erlaubt, Auslachen verboten

Hirsche beschreibt ihre Zielgruppe gerne mit Augenzwinkern. Schmunzeln ist erlaubt, auslachen strengstens verboten, meint Hirche. Gleich neben der Freude, die alte Menschen begleiten sollte, steht die Würde.

Wer die Influencerin Hirche eine Woche begleitet, ist erstaunt von Hirches Energie. Reisen, Referate, Schulungen in Altenheimen und ihrem eigenem Büro.

 

Gestorben wird morgen, heute wird gelebt

Hirche wird nicht müde, der Vorkriegsgeneration mit Engelsgeduld das Einmaleins der Smartphones und Tablets zu vermitteln. Was sie noch vorhat, wird Hirche gefragt. Endlich einen Hundertjährigen in ihren Versilberer-Runden begrüßen, meint sie oder vielleicht noch selber programmieren lernen. Auf alle Fälle immer offen bleiben für Neues.

Wer zu Hirches Online-Kursen kommt, lernt viel und lacht noch mehr. „Was früher Gold war, sind heute Ihre Daten.“ Erklärt Hirche ihren KursteilnehmerInnen. Was soll daran so gefährlich sein, fragt eine Dame. „Von mir kann jeder alles wissen“, kichert die 70jährige Monika. „ich habe nichts zu verbergen.“ „Das denken Sie“, kontert Hirche. „Könnte ja sein, dass es Interssenten für Ihre gesunde Niere gibt?!“ Hirche warnt vor vermeintlichen Enkeln mit absurden Geldforderungen und gemeinen Erpressungen. „Einfach löschen“ lautet der Tipp. Früher habe man ja auch nicht jeden Vertreter, der an der Haustür geklingelt hat, reingelassen, meint Hirche.

Das scheint ein Geheimtipp des Erfolgs zu sein. Hirche weiß, welche Vergleiche auf fruchtbaren Boden fallen und verstanden werden.

 

Keine Scheu vor der digitalen Welt haben

Hirches Buch soll primär die Scheu vor der Pixelwelt nehmen. Die ältere Generation sollen spüren, dass die online Welt weder ein böser Ort noch einer ist, der bei unsachgemäßer Verwendung innerhalb von 10 Sekunden explodiert.

Weil viele Ärzte zunehmend nur noch online Termine vergeben, wird auch den absoluten Internet-Verweigerern bewusst, dass es Sinn macht, sich mit der Materie zu beschäftigen.

Die meisten TeilnehmerInnen von Hirches Kursen seien zwischen 72 und 87 Jahren alt. Wichtig sei zu zeigen, dass man nicht allein ist. Oft sind die älteren Teilnehmer die Einzigen in der Familie, die es nicht können. Bei den Treffen erkennen sie: ‚Oh, da geht es ja vielen genau wie mir’, und darum schrieb Hirche das Buch. Es soll zeigen, dass man auch mit 91 Jahren den Sprung in die digitale Welt wagen kann“, erklärt Hirche.

SeniorInnen testen Roboter und neue Technologien. Foto: Daniela Krautsack

Geduld, Geduld und Unterstützung

Oft brauche es viel Geduld, Geduld und nochmals Geduld. Mit viel Unterstützung würden es auch die Zweifler schaffen. Von 5.000 Teilnehmern hätten bisher nur zehn Teilnehmer aufgegeben.

Dass sich die Geduld auszahlt, zeigen viele Initiativen für ältere Menschen, die gegen Einsamkeit und soziale Isolation ankämpfen. Ich habe jahrelang an einer digitalen Applikation gearbeitet, die älteren Menschen den Einstieg in die digitale Kommunikation mit ihrer Familie erleichtern sollte. Interviews mit Grossmüttern und Großvätern in Österreich, Deutschland und Skandinavien halfen, die Bedürfnisse dieser Generation zu verstehen. Was schnell klar wurde: diese Zielgruppe braucht viel Zeit und Geduld – das stresst Investoren. Kein Wunder, dass vielen Start-Ups bei der Entwicklung die Luft ausgeht.

Umso mehr ist Dagmar Hirche ob ihrer Langatmigkeit und Begeisterungsfähigkeit zu bewundern. Hartnäckigkeit zahlt sich stets aus.