Ein Hörgerät beugt Demenz vor

Viele alte Menschen verzichten laut aktueller Forschungen auf Hörgeräte. Das hat fatale Folgen, denn Schwerhörigkeit führt zu Ängsten und anderen psychischen Krankheiten, wie Demenz. Je nach Grad der Schwerhörigkeit steigt die Wahrscheinlichkeit an Demenz zu erkranken um bis zu 50 Prozent.

Modische Brille versus uncooles Hörgerät

Auch Brillen hatten vor einigen Jahrzehnten noch das Stigma des Alters. Mittlerweile ist ihr Ansehen zum Glück beträchtlich gestiegen. Erfolgreiche Werbekampagnen haben es geschafft, dass Brillen als modisches Accessoire angesehen werden. Es gibt sogar Fashionistas, die eine Brille tragen ohne eine zu brauchen.

Das doofe Vorurteil

Wer ein Hörgerät trägt, wirkt alt und krank. So klingt es, das total verstaubte Vorurteil. Warum die Hörgeräte-Industrie nicht auf die Idee kommt, Hörgeräte durchgängig modisch zu gestalten, ist ein Rätsel. Richtig farbenfrohes Design für Hörgeräte gibt es für Kinder, warum nicht auch ‚individualisierbar‘ für Erwachsene?

Copyright: Biha – Bundesinnung der Hörgeräteakustiker KdöR

 

Prof. Dr. Stefan Dazert, Arzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde am Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum sagt: „Wenn ich meinen Patienten sage, ich würde ihnen empfehlen ein Hörgerät bloß mal probeweise zu testen, dann fallen die aus allen Wolken und sind völlig entsetzt.“

Dabei sind Hörgeräte so wichtig, sagt er, denn ab Mitte 50 hört der Mensch schlechter. Und statistisch gesehen ist ab dem 65. Lebensjahr jeder dritte schwerhörig.

Wenn Menschen sich schämen, Hörgeräte zu tragen, dann ziehen sie sich zurück, weil sie viel Gesagtes und Umweltgeräusche nicht mehr mitbekommen. Sie verlieren nach und nach den Orientierungssinn.

Studien zeigen, dass eine mittelgradige Hörminderung das Demenzrisiko schon verdoppelt, meint Dazert.

Warum steigert Schwerhörigkeit das Demenzrisiko?

Man geht davon aus, dass Menschen, die schlecht hören, viel Energie und Höranstrengung aufbringen müssen, um eine normale Kommunikation zu führen und durch diese zusätzliche Anstrengung können andere Dinge nicht mehr so gut verarbeitet werden.

Wann braucht man ein Hörgerät?

Wenn die Familie sagt, dass der Fernseher zu laut ist. Man sollte zum Hörtest gehen, wenn man selbst das Gefühl hat, dass man kein Wort mehr versteht. Vor allem, wenn mehrere Leute durcheinander reden. Aufmerksam sollte man werden, wenn man öfter mal nachfragen muss, was der andere gesagt hat. Letztlich, wenn der Hörtest ein Hörgerät suggeriert.

Der coolste Hörtest der Welt

Die Trends

Die neuesten Hightech-Hörgeräte, die es auf dem Markt gibt, lassen sich mit dem Smartphone drahtlos verknüpfen. Und auch mit Auto-Navigationsgeräten und Haushaltsgeräten. Hat die Waschmaschine ihren Job erledigt, bekommt man ein akustisches Signal ins Ohr. „Ein Hörgerät ist mittlerweile viel mehr als eine reine Hörhilfe. Es wird zunehmend zur allumfassenden Kommunikationslösung“, sagen Experten der Firma Neuroth, die Hörgeräte-Lösungen anbietet.

Auch spezielle Übersetzungs-Apps erleichtern die Vernetzung mit anderen. Spricht das Gegenüber in mein Smartphone, bekomme ich das Gesprochene direkt in mein Hörgerät übersetzt. In naher Zukunft werden Hörgeräte diese Funktion selbstständig durchführen können. Dafür muss die Speicherkapazität größer werden. Ein erster Schritt in diese Richtung ist auch die Akku-Technologie, die immer gefragter ist, da der Batteriewechsel wegfällt.

Es gibt auch immer schickeres Design, auch für Menschen ab 50. Man muss sich nur auf die Suche machen.

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Hören mittels Gedankensteuerung

Mit Innovationen wie diesen beschäftigen sich unter anderem auch Hörforscher der Uni Oldenburg. Ihr Ziel: Hörgeräte sollen nicht nur kleiner und schneller werden, sondern vor allem smarter. So soll es in Zukunft sogar möglich sein, Hörgeräte über seine eigenen Gedanken steuern zu können. Das bedeutet: Hörgeräte fokussieren automatisch auf das, was der Hörgeräteträger hören oder verstehen will. Das passiert nicht nur durch akustische Einflüsse, sondern auf Basis der eigenen Gehirnströme, die analysiert und verarbeitet werden.

Wenn das Hörgerät nicht mehr hilft

Pius L. aus dem österreichischen Wolfsberg ist 90 Jahre alt. Er könnte heute schon taub in seiner Küche sitzen, aber der Kärntner hat sich im Alter von 85 Jahren für ein Cochlea-Implantat (CI) entschieden. Jetzt ist er der älteste Österreicher, der mit einem Implantat seine volle Hörfähigkeit zurückbekommen hat. Ein Cochlea-Implantat ist ein hochmoderner Hörcomputer. Es kommt dann in Frage, wenn es nicht mehr möglich ist, mit einem Hörgerät Sprache zu verstehen und ausreichend zu hören.

Copyright: MED-EL. Sichtbar bleibt nach der Operation nur der Audio-Prozessor, der den Schall ins Implantat weiterleitet.

Wie funktioniert ein Cochlea-Implantat?

Ein Cochlea-Implantat verstärkt den Schall nicht wie ein Hörgerät, sondern wandelt ihn in elektrische Impulse um. Diese gelangen zunächst direkt ins Innenohr, von dort weiter zum Hörnerv und schließlich ins Gehirn. So können sogar Menschen ohne natürliches Gehör wieder hören. Das Implantat wird im Zuge einer rund zweistündigen Operation hinter dem Ohr unter die Haut gepflanzt. Außen sichtbar ist dann nur ein Audio-Prozessor, der dafür sorgt, dass der Schall auch an der richtigen Stelle ankommt.

Sein Chirurg Prim. Univ.-Prof. Dr. Georg Mathias Sprinzl, Leiter der Abteilung für HNO am Universitätsklinikum St. Pölten lobt Herrn L.: „Ohne Hörunterstützung würde dieser lebensfrohe Mensch traurig zu Hause herumsitzen. Er hat die Vorteile des Cochlea-Implantats registriert und nicht gezögert, sich für diese Methode zu entscheiden.“

Für diese Maßnahme gibt es kein Alterslimit. Wenn ein Hörgerät nicht mehr den gewünschten Effekt hat, ist ein CI die Lösung, die auch im hohen Alter noch in Frage kommt. Prof. Sprinzl: „Wir können auch unter Lokalanästhesie operieren. Für uns ist das mittlerweile eine Routinesache und vollkommen schmerzfrei.“

Pius L. versichert: „ Ich rate jedem in meiner Situation: ,Machen Sie es!‘ Es ist das Beste, was man tun kann.“