Empathie-Design für Demenzkranke

In Seniorenheim ‚Am Park’ in Erfurt sieht es aus wie zu DDR-Zeiten. Möbel aus den 50er Jahren, eine alte Singer Nähmaschine, handgehäkelte Tischdecken und aufgemalte Sonntagshüte an der Wand versetzen die Bewohner in ihre frühen Jahre zurück. Empathie-Design heisst das neue Schlagwort. Demenzkranke Menschen in die Vergangenheit holen und dadurch Wohlbefinden auslösen – das will Empathie-Design.

 

Vertrautes Einrichtungsdesign

Die Senioren, die in dieser Residenz wohnen, leiden an Demenz und können sich an die Jahre nach der Wende eigentlich nicht erinnern. Um ihnen den Alltag doch vertrauter und mit Wohlbefinden zu gestalten, haben sich die Pfleger des Heims etwas Besonderes einfallen lassen: alles im Umfeld der Senioren erinnert an die DDR.

 

An Erinnerungen anknüpfen

Die Prägungsphase der Senioren spiele für die Mitarbeiter eine wichtige Rolle, erklärte die Heimleiterin in einem Interview. Diese finde zwischen dem 25. und 30. Lebensjahr statt. Für die Bewohner sei das die DDR-Zeit gewesen. Mit der vertrauten Umgebung aus „ihrer Zeit“, bekämen sie die nötige Geborgenheit, um weiterhin aktiv zu bleiben.

 

Die therapeutischen Angebote greifen auch die biografische Erfahrungen der Senioren auf. An den Zimmertüren hängen Porträts der Heimbewohner in jungen Jahren. Auch das schafft Vertrauen. In den Fotos erkennen sie sich wieder, auf aktuellen Bildern seien sie sich fremd.

 

Lustige Anekdoten

Im nachgebauten Konsum mit alter Registrierkasse und einem Regal mit Dosen befinden sich heute Knusperflocken. Die Leiterin des AWO-Seniorenheims erzählt mit einem Augenzwinkern: „Wir haben eine Bewohnerin, die guckt, ob jemand guckt, nimmt sich ganz verstohlen ein paar Flocken und schwups ist sie wieder weg“.

Foto Daniela Krautsack (Quelle: MDR Antje Kirsten)

Die Seniorinnen und Senioren erzählen viel über die DDR, berichten die Pflegerinnen und Pfleger. Es komme immer wieder vor, dass Frauen nach ihrem Kind suchen, weil sie sich an die Zeit als junge Mutter erinnern. Für solche Momente steht ein Kinderwagen mit Puppe auf dem Flur. Es werde noch nach einem DDR-Kinderwagen gesucht, meint die Heimleiterin.

 

Lange Wartelisten

Da die Bevölkerung immer älter wird, steigt das Risiko an Demenz zu erkranken. Darauf müssen Altenheime und Pflegeheime reagieren. Mit dem Böhm-Konzept ‚DDR’ hat das AWO-Seniorenheim in Erfurt viele Menschen begeistert. Weil sich die Bewohnerinnen und Bewohner so wohlfühlen, seien die Wartelisten für einen Platz sehr lang.

 

Angehörigen würden die Zimmer im Pflegeheim frisch, neu und modern eingerichtet sehen. Das sei für Demenzkranke die falsche Therapie, denn diese wollen am liebsten das ganz Alte, das Vertraute. Auch Fotoalben mit Schwarz-Weiß-Bildern würden sie viel besser erkennen als Farbfotos.

 

Auch das Essen wird wie damals in der DDR zubereitet und das kleine Nachmittags-Tänzchen zum DDR-Schlager ist inzwischen auch Usus.

 

Demenzdörfer rund um den Globus

Die Story erinnert an Zeitungsberichte aus dem letzten Jahr, als vermehrt über das erste Demenzdorf in Dänemark berichtet wurde. In der Hafenstadt Svendborg, das im November 2016 eröffnet wurde, leben inzwischen über 100 Demenzkranke und einige Hühner, die als Streicheltiere und zur Selbstversorgung gehalten werden. Es gibt eine Boutique, ein Lebensmittelgeschäft, Frisör, Bibliothek, Restaurant, Café, Fitnessstudio und Tanzsaal.

Foto SWNS.com 

Im 25.000 m2 großen Areal wurde ein Park und ein Teich angelegt, Gemüse- und Obstbeete gepflanzt. Die Bewohnerinnen und Bewohner kümmern sich um Tiere und Pflanzen, so gut sie können. Beschäftigungstherapie, wie Erwin Böhm sie vorschlägt, nicht herumsitzen und auf den Tod warten.

Das Altstadtmuseum in Aarhus, Dänemark, hat ein „Haus der Erinnerungen“ geschaffen, das eine exakte Nachbildung einer Wohnung aus den 1950er Jahren darstellt. Es ist für Demenz-Patienten gedacht, deren Erinnerungen durch die Bilder, Geräusche und Gerüche aus dieser Zeit ausgelöst werden können. Foto: Old Town Museum

 

Zäune bauen

Kritiker machen sich Sorgen, dass Menschen, die in Demenzdörfern wohnen, von der Gesellschaft ausgeschlossen werden. Um die Sicherheit der alten Menschen zu gewährleisten, sind die Dörfer eingezäunt. Hier versuchen die Betreiber der Dörfer zu besänftigen. Es gäbe Türen nach draußen, diese seien aber nicht einfach zu finden. Wenn sich ein Bewohner nach draussen verirrt, würde man ihn im Notfall mit GPS orten können, der sich in den Schuhen befindet.

 

Mit Demenz zu Hause wohnen

Trotz der Diagnose Demenz können Erkrankte in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Vorausgesetzt natürlich, dass die Wohnung für Demenzkranke angepasst wird.

Durch eine Demenz Behandlung lassen sich die Beschwerden hinauszögern, aber schon bei einer beginnenden Demenz sollten Überlegungen angestellt werden, wie die Orientierung in der Wohnung in Zukunft erleichtert werden kann.

Viele Experten raten, am Wohnungsumfeld nicht viel zu verändern, eben um das Verwirren nicht noch zu verstärken. Ohne Umbaumaßnahmen und Anpassung an die Krankheit geht es leider nicht. Mehr Info dazu gibt es hier: https://www.wegweiser-demenz.de/startseite.html

 

Empathie-Design für Demenzkranke – ein Zukunftsjob

Der Beruf des ‚Empathiedesigners’ wird von Zukunftsforschern als Trendjob der Zukunft deklariert. Räume so zu designen, dass sie an die frühen Jahre von Menschen erinnern – ob zuhause, im betreuten Wohnen oder im Altenheim – dieses Service wird in der Zukunft stärker nachgefragt werden. Ein Lichtblick für Einrichtungsgestalter und solche, die es werden wollen.

 

Unsere Links zum Thema: https://ovital-pflege.de/demenz-erste-anzeigen-und-ratschlaege/

Beitragsbild: Soraya-Sarhaddi-Nelson/NPR