Leben und sterben: Alles eine Frage der Einstellung

Heißes Wasser trinken, Fahrrad fahren, Gemüse essen, Segeln, Chorsingen, Malen… Das sind die kleinen Geheimnisse von SPD Politiker Henning Scherf, um gut alt zu werden. Wie leben und sterben – leicht oder bedrückt, redend oder schweigend, im Kreis der Familie oder allein. Eine herausfordernde Frage, die es aber zu stellen gibt. Sich selber und im Kreis der engsten Angehörigen.

 

Vor kurzem habe ich einen NDR Bericht über Henning Scherf gesehen, der sein Buch Das letzte Tabu: Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen vorgestellt hat. Der agile Langzeitpolitiker tourt derzeit als Altersexperte durch Deutschland. Seine Ansichten über die Einsamkeit und den Tod sprechen mir aus der Seele – vielleicht auch dem einen oder anderen Leser dieses Forums.

 

Weil das Thema Tod noch immer tabu in unserer Gesellschaft ist, sollte man jede Gelegenheit nutzen, es anzusprechen. Scherf ist ein Vorbild fürs Älter werden und dem Blick auf den Tod. Warum, darüber schreiben wir hier.

 

Kinder holen mich aus jedem Stimmungs-Blues heraus

„Im Sommer bin ich mit meinen Enkelkindern die dalmatinischen Küste entlang gesegelt. Die Kinder hatten einen riesigen Spaß. Sie haben mir beim Segeln geholfen und eine Vitalität losgelassen, die auf mich ausgestrahlt hat. Die Kinder schreiben mir auch regelmäßig entzückende Briefe und sagen mir, dass sie glücklich sind, so einen Typ wie mich zum Großvater zu haben.“ sagt Scherf und strahlt stolz. Mit 81 Jahren steht er nicht still. Er spielt Klavier, singt und liest in Altenheimen vor. Er ist sich sicher: „Das Gefährlichste am Alt Werden ist das Einsam werden und das Gefühl zu kriegen: Keiner interessiert sich für mich. Ich bewege mich gerne und wenn ich mit Kindern unterwegs bin, gehe ich schnell zu Boden, weil ich auf deren Augenhöhe sein will.“

 

Kommunikation ist die Basis unserer Existenz

Während sich die einen im Alter im Haus oder der Wohnung verkrümeln, treibt es die anderen in Vereine, Nachbarschaftsinitiativen und auf Reisen. „Wenn man das entfalten kann und lernen kann mit anderen umzugehen, dann bereichert das die Existenz“, sagt Scherf. „Einsam sein und sich ins Mauseloch verkriechen, das ist keine Perspektive. Darum rate ich immer allen: Sucht Euch Leute, mit denen Ihr zusammen etwas machen könnt, mit denen Ihr gemeinsam zum Beispiel unter einem Dach wohnen könnt. Und teilen könnt, Urlaub machen könnt, andere motivieren könnt. In deutschen Städten gibt es so viele Leute, die einsam sind, und wenn die rauskommen aus ihrer Einsamkeit und ganz vorsichtig auf andere zugehen, Schritt für Schritt, dann wird es besser für sie.“

 

Das Sterben nicht allein erleben

Scherf findet es essentiell, dass man das Sterben nicht allein erlebt, sondern dass man jemanden bei sich hat, der einem nah ist und einem hilft. Es sei eine große Not, dass viele Menschen heutzutage alleine sterben. Dass sie niemanden haben, der sich an ihre Seite setzt, mit ihnen redet, mit ihnen nachdenkt und auf ihre Wünsche reagiert.

 

Darum ist es so wichtig, sich aus seiner Einsamkeit herauszuarbeiten und sich umzusehen, ob es nicht Menschen gibt, mit denen man sein Leben, aber auch seine letzten Monate und Wochen teilen kann. Das Problem der Einsamkeit, des Nicht-berührt-werdens, die Erfahrung, ausgeschlossen zu sein und keinen Zugriff auf das Notwendigste zu haben, ist ein zentrales Problem des Lebens. Es verschärft sich in dem Moment, in dem ein Mensch zunehmend unbeweglich wird.

 

Die Wünsche rund ums Sterben sind ganz individuell

Manche Menschen wollen beim Sterben die ganze Familie bei sich haben, manche wollen ihre Ruhe, bei anderen wieder soll nur die Tür zum Flur offen stehen. Auf den Palliativstationen bemühen sich Ärzte und Helfer herauszufinden, was jeder braucht. Daher sollten wir unseren Lieben diese Fragen rechtzeitig stellen, wenn sie sich noch dazu äußern können.

 

Zuerst unvorstellbar, dann als Segen gesehen

Ein Mittel, um gar nicht einsam zu werden oder der Einsamkeit zu entfliehen, ist eine Wohngemeinschaft. In Weimar gibt es eine WG, in der ein Opa mit seinem Enkel lebt. Nach seinem Abitur entschloss sich Jonny bei seinem 77jährigen Opa einzuziehen. Opa Reinhard sagt, dass er nach dem Tod seiner Frau dadurch nicht mehr so alleine war. Für den Enkel wäre das auch gut. Er könne tun und lassen, was er wolle, erlebe aber trotzdem einen gewissen Familienrahmen.

Copyright: NDR – Enkel Jonny und Großvater Reinhard sind WG-Kumpel.

In Opas Kreativscheune kann Jonny jeden Tag mit seiner Band proben. „Opa und ich sind uns sehr ähnlich in vielen Bereichen, wir haben viel Verständnis füreinander.“ erklärt Jonny und fährt fort: „Wir haben unser Leben aufeinander abgestimmt. Opa macht oft das Frühstück.“ Dabei grinst Jonny. Schon praktisch, so ein Opa-Service im Alltag. Weil Jonny fertig studiert hat, zieht er bei Opa. Jetzt zieht sein jüngerer Bruder bei Opa ein.

 

Unterschiedliche Generationen unter einem Dach

„Ich lebe mit vielen lieben Menschen unterschiedlicher Generationen zusammen, das hält mich in Schwung.“ erklärt Henning Scherf. Er wohnt seit 30 Jahren mit Freunden – in abgeschlossenen Wohnungen – in einem Haus. „Ich muss nicht jeden Tag und jede Stunde auf meinen Nachbarn hocken. Man muss sich auch zurückziehen können. Wenn man aber will, kann man Hilfe bekommen.“

Jeden Samstag gibt es in der Hausgemeinschaft ein großes gemeinsames Frühstück, bei dem immer alle dabei sind. „Auch die Kinder und Enkel wollen dabei sein und kommen.“ schmunzelt Scherf. „Wir sind auch total kreativ. Wir richten frisches Gemüse auf den Tisch, Kräuter, eingelegte Heringstücke, selbstgemachte Marmelade, und Käse. Ich bin der Gemüseschnippler und passe auf, dass nichts im Kochtopf anbrennt.“

 

Das letzte Tabu

In seinem Buch „Das letzte Tabu“ plädiert Henning Scherf für einen bewussteren Umgang mit dem Tod. Menschen im Hospiz haben noch immer ihre Würde. In Ruhe und umsorgt sterben dürfen, dafür ist im Hospiz Platz. Die Atmosphäre ist hell und freundlich. Der Tod ist präsent, wird aber nicht verdrängt.

 

Was brauchen Menschen im Hospiz am dringendsten?

„Sie sollen nicht einsam sein.“ Das ist Scherfs wiederholte Botschaft. „Sie sollen umgeben sein mit Menschen, die ihnen vertraut sind. Eine Nähe in den letzten Stunden des Todes zu erfahren, das ist ein Geschenk. Wenn es irgendwie zu schaffen ist, sollen sie das Umfeld suchen, in dem sie vertraut ihre letzten Tage verbringen können. Das gilt auch für Leute, die behindert oder heftig mobil eingeschränkt sind. Die Palliativmediziner sind wunderbare Leute, die einem die Schmerzen nehmen können und die einem ein freundliches Sterben möglich machen können. Wenn man die kennt und sich denen anvertraut hat, da entsteht eine Vertrauensbasis, auf der ich mich Dann auf den Tod einlassen kann. Der Tod gehört einfach zum Leben dazu.“

 

Begleitung als Win-Win für alle Generationen

Viele haben so viel Angst vor dem Tod. Man sollte möglichst früh anfangen, über den Tod zu reden. Schon Kinder können positive Erfahrungen machen, dass man sie dabei lässt, wenn die Großeltern sterben. Unsere Enkel haben – von der Schule angeregt – regelmäßig, einmal pro Woche, alleinlebende alte Leute im Alten- und Pflegeheim besucht. Unsere Enkelin hat so eine blinde ältere Frau bis zum Tod begleitet.

 

Das hat dieser Frau gut getan, und das kleine Mädchen hat eine wunderbare Erfahrung mitgenommen, die sie bewegt hat, Psychologie zu studieren, um den Menschen verstehen und begleiten zu können. Scherfs Botschaft an die Kleinsten lautet: „Seht zu, dass ihr mit alten und gebrechlichen alten Menschen vertraut werden – für die alten Menschen ist das toll.“

Quelle: Canva – Kinder sind das Lebenselexir für alte Menschen.

Eine Altersweisheit

„Nicht verkriechen und alleine sein im Alter. Sucht Euch in der Nachbarschaft, in der Kita und Volksschule Kinder, mit denen ihr Euer Alter gestalten könnt. Kinder sind wunderbar. Es ist das beste, was einem im Alter passieren kann. Dann bleibt man lebendig.“ rät Scherf. Wo er recht hat.

 

 

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